{"id":1,"date":"2020-01-02T03:48:00","date_gmt":"2020-01-02T03:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/urbanicom.de\/?p=1"},"modified":"2020-09-18T12:36:41","modified_gmt":"2020-09-18T12:36:41","slug":"hello-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=1","title":{"rendered":"Innenst\u00e4dte vor, w\u00e4hrend und nach Corona"},"content":{"rendered":"\n<p>Interview des Handels- und Dienstleistungsverband Bozen mit dem gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Vorstandsmitglied von urbanicom, Michael Reink<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n<div class=\"itemBody\">\n<div class=\"itemFullText\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-191 alignleft\" src=\"https:\/\/urbanicom.de\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/M-0035_38671_Hoffotografen-kl.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"279\"><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<ol>\n<li><strong>In welcher Situation befinden sich derzeit die Innenst\u00e4dte und der Einzelhandel?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Einzelhandel hat derzeit hohe Umsatzverluste zu verzeichnen. Die Gesamtsumme bel\u00e4uft sich in Deutschland auf bisher 30 Mrd. Euro. Auch wenn sich viele Einzelh\u00e4ndler rasch ein weiteres Standbein im Online-Handel aufgebaut haben, haben diese Aktivit\u00e4ten keine unternehmenserhaltenden Ums\u00e4tze generieren k\u00f6nnen. Zudem haben die H\u00e4ndler von Seiten des Staates finanzielle Unterst\u00fctzungen durch Zusch\u00fcsse oder g\u00fcnstige Kredite erhalten. Letztere sind jedoch zur\u00fcckzuzahlen, so dass es zuk\u00fcnftig zus\u00e4tzliche Belastungen f\u00fcr die H\u00e4ndler bedeutet. Gleiches gilt f\u00fcr die dankenswerterweise erm\u00f6glichten Stundungen von einem Teil der Vermieter. Auch diese Mietzahlungen m\u00fcssen demn\u00e4chst zus\u00e4tzlich zu den normalen monatlichen Mieten aufgebracht werden. Das f\u00fchrt zu einem Risiko, welches nach den staatlichen verordneten Gesch\u00e4ftsschlie\u00dfungen auf die H\u00e4ndler zukommt: &nbsp;Infolge der historisch schlechten Konsumlaune haben die H\u00e4ndler Kosten von \u201e100% plus X\u201c zu tragen, bei weit unterdurchschnittlichen Einnahmen. Das wird zu einer zweiten Insolvenzwelle f\u00fchren \u2013 in allen Gr\u00f6\u00dfenklassen und \u00fcber das gesamte Bundesgebiet verteilt, wenn hier keine zus\u00e4tzlichen staatlichen Ma\u00dfnahmen greifen. Diese H\u00e4ndler werden uns allen fehlen, da die Diversit\u00e4t der Versorgungsstruktur leidet und kein Ersatz f\u00fcr diese H\u00e4ndler zu finden sein wird.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Wird es eine Zeit f\u00fcr den station\u00e4ren Handel, wie sie jene vor Corona war, wieder einmal geben?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Leider ist in der Folge mit einer deutlichen Zunahme von Leerst\u00e4nden zu rechnen. Diese Bef\u00fcrchtung gab es schon durch die Umsatzverschiebungen in den Online-Handel. Jedoch hat die Corona-Krise diese Situation deutlich versch\u00e4rft. Daher sollte das in Deutschland sehr bew\u00e4hrte System der St\u00e4dtebauf\u00f6rdermittel nochmals deutlich aufgestockt werden. Durch diese finanziellen Hilfen habe die Kommunen die M\u00f6glichkeit, zus\u00e4tzliche Gelder vom Bund und dem jeweiligen Bundesland z.B. f\u00fcr ihre Innenstadtentwicklung einzusetzen. Dabei l\u00f6st ein Euro dieser staatlichen Gelder durchschnittlich acht Euro an \u00f6ffentlichen und privaten Folgeinvestitionen aus. Diese Ma\u00dfnahme halten wir f\u00fcr dringend geboten, um die drohenden Verwerfungen in den Innenst\u00e4dten abzumildern. Aber eins muss uns allen klar sein: Die Innenst\u00e4dte werden nachhaltig unter der Corona-Krise leiden.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Was wird sich nach Corona im Handel und in der Dienstleistung alles ver\u00e4ndern?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Das Ende der Krise wird vielf\u00e4ltige Ver\u00e4nderungen mit sich bringen. Es ist damit zu rechnen, dass der Staat und die Kommunen \u00fcber Jahre wesentlich weniger Geld zur Verf\u00fcgung haben, als dies jetzt der Fall ist. Dadurch werden viele Investitionen auch zur Versch\u00f6nerung oder besseren Erreichbarkeit von Innenst\u00e4dten verschoben werden. F\u00fcr Stadtfeste werden die Etats ebenfalls gek\u00fcrzt werden und die M\u00f6glichkeiten der vielen insbesondere lokalen Sponsoren werden stark eingeschr\u00e4nkt bis gar nicht mehr vorhanden sein. Darauf muss sich der Handel und m\u00fcssen sich die Mitb\u00fcrger einstellen.<\/p>\n<p>Zudem wird es starke Ver\u00e4nderungen in der Besitzerstruktur der Innenst\u00e4dte geben. Es ist davon auszugehen, dass viele kleine Immobilienbesitzer die Krise wesentlich schlechter durchstehen werden, als die gro\u00dfen institutionellen Eigent\u00fcmer. Dass muss nicht zum Vorteil auch des Handels bzw. der lokalen Unternehmen in den Innenst\u00e4dten sein, da sich die Machtverh\u00e4ltnisse zwischen dem Mieter und Vermieter weiter verschieben werden. Daher erarbeitet urbanicom in Zusammenarbeit mit dem Handelsverband Deutschland sowie den kommunalen Spitzenverb\u00e4nden an einen milliardenschweren Innenstadtstabilisierungsfonds, damit die Innenst\u00e4dte in ihrer Diversit\u00e4t und Attraktivit\u00e4t erhalten bleiben.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Was ist mit der Digitalisierung? Hat der station\u00e4re Handel noch Entwicklungs- und Erfolgspotential?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Wie wir bereits jetzt sehen, m\u00fcssen wir mit einem ver\u00e4nderten Konsumverhalten der B\u00fcrger nach der Krise rechnen. Viele Mitb\u00fcrger aber auch H\u00e4ndler haben sich in der Krise erstmalig ernsthaft mit dem Vertriebskanal Online-Handel auseinandergesetzt. Auch wenn die schlechte Konsumlaune auch beim Online-Handel teilweise zu Umsatzeinbu\u00dfen gef\u00fchrt hat, waren die durch Hamsterk\u00e4ufe verursachten tempor\u00e4ren Engp\u00e4sse z.B. bei Toilettenpaper f\u00fcr viele der Anlass, sich diese Produkt \u00fcber andere Kan\u00e4le zu besorgen. Das gleiche gilt z.B. auch f\u00fcr den Bezug von Masken. Not macht nicht nur erfinderisch, sie \u00f6ffnet auch Perspektiven. Da der station\u00e4re Handel mit seinen attraktiven L\u00e4den jedoch an dieser \u00d6ffnung von Perspektiven nicht beteiligt sein konnte, hat der Online-Handel schlussendlich profitiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr den station\u00e4ren Handel hei\u00dft das, dass dieser Vertriebskanal noch st\u00e4rker in den Blickpunkt r\u00fccken muss. Jedoch muss der Handel damit auch Geld verdienen k\u00f6nnen. Wenn man jedoch bedenkt, dass der H\u00e4ndler z.B. f\u00fcr die gro\u00dfen Plattformen sowohl das Risiko des Wareneinkaufes tr\u00e4gt, die Ware lagert, die Ware verpackt und die Ware schlie\u00dflich an den Lieferanten \u00fcbergibt, sind dies Kosten und Dienstleistungen, die der H\u00e4ndler tr\u00e4gt und nicht der Online-Plattform-Anbieter. Zudem muss der H\u00e4ndler eine Provision an den Plattform-Anbieter zahlen. Daher ist regelm\u00e4\u00dfig damit zu rechnen, dass die Verkaufs-Marge \u00fcber den Online-Handel d\u00fcnner ausfallen wird, als beim Verkauf \u00fcber den Ladentisch.<\/p>\n<ol start=\"5\">\n<li><strong>Stichwort Ortsentwicklung: Welche Rolle werden unsere Innenst\u00e4dte und Ortskerne in Zukunft spielen?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Innenst\u00e4dten sind ein System, dass nur in der Zusammenarbeit der vielen Funktionen seine ganze Wirkung entfalten kann. Hierbei gibt es vielf\u00e4ltige Kopplungseffekte zwischen den unterschiedlichen Funktionen, wobei das Zusammenwirken von Handel und Gastronomie eine besondere Rolle einnimmt. Der Handel ist und bleibt dabei jedoch die Innenstadtfunktion Nummer eins und ist der Hauptanlass f\u00fcr einen Besuch in der Innenstadt.<\/p>\n<p>Dabei haben wir die Schlie\u00dfung von Gesch\u00e4ften in Deutschlands z.B. als Folge von \u00dcberflutungen der Innenst\u00e4dte bereits h\u00e4ufiger erlebt. Auch wenn die Innenst\u00e4dte heute gl\u00fccklicherweise keine baulichen M\u00e4ngel zu verzeichnen haben, wissen wir, dass die Bev\u00f6lkerung zun\u00e4chst ein wenig \u201efremdeln\u201c kann. Versch\u00e4rfend kommt heute jedoch hinzu, dass niemand das Ende der Corona-Krise sicher voraussagen kann. Die unbekannte Dauer der bewusst unattraktiven Innenst\u00e4dten als Folge einer absichtlichen Reduzierung von Anreizen (z.B. Verkaufsverbot f\u00fcr gro\u00dffl\u00e4chige H\u00e4ndler und die Gastronomie) ist ein schweres Los. Daher unterst\u00fctzt urbanicom die Einrichtung eines Innenstadt-Kulturfonds.<\/p>\n<p>Insgesamt werden wir besondere Anstrengungen unternehmen m\u00fcssen, die Innenst\u00e4dte mit ihrer besonderen Attraktivit\u00e4t den B\u00fcrgern wieder ein St\u00fcck n\u00e4her zu bringen. Dazu kann dieser Fonds einen Beitrag leisten, da mit dem Fonds Kleinkunst auf den Stra\u00dfen oder tempor\u00e4re Kunst im \u00f6ffentlichen Raum finanziert werden soll, um zus\u00e4tzliche Anreize zu schaffen. Gleichzeitig hilft es den K\u00fcnstlern, die von der Krise auch im erheblichen Ma\u00df betroffen sind.<\/p>\n<p>Insgesamt bin ich f\u00fcr die Innenst\u00e4dte aber zuversichtlich, da die B\u00fcrger*innen mit ihren Innenst\u00e4dten stark verwachsen sind und sie sich mit ihnen identifizieren. Wir m\u00fcssen es aber schaffen, dass die Innenst\u00e4dte Orte bleiben, mit denen man sich auch gern identifizieren m\u00f6chte. Leider hatten einige St\u00e4dte bereits vor der Krise derart starke funktionale und (kultur-)bauliche Schw\u00e4chen, dass den B\u00fcrgern*innen diese Identifikation zunehmend schwer viel.<\/p>\n<ol start=\"6\">\n<li><strong>Wie k\u00f6nnen lebendige und attraktive Ortszentren erhalten werden?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Durch den Wegfall der Alleinstellung \u201eWarenverf\u00fcgbarkeit\u201c f\u00fcr den station\u00e4ren Handel, reicht die Produktvielfalt der Innenst\u00e4dte nicht mehr aus, um die Menschen f\u00fcr einen Innenstadtbesuch zu begeistern. Vielmehr m\u00f6chten die Menschen einen Ort besuchen, der eine gute Freizeitgestaltung verspricht. Daher funktionieren Innenst\u00e4dte jetzt und in Zukunft nur, wenn es ein symbiotisches Miteinander von Handel, Gastronomie, \u00f6ffentlicher Verwaltung, Dienstleistungen, Wohnen etc. gibt. Zudem spielt die Attraktivit\u00e4t von Geb\u00e4uden und \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen eine zunehmend bedeutende Rolle, wodurch der Begriff der Baukultur immer wichtiger wird.<\/p>\n<ol start=\"7\">\n<li><strong>Haben Klein- und vor allem Familienbetriebe im Handels- und Dienstleistungsbereich noch eine \u00dcberlebenschance?<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Der Anteil der privat gef\u00fchrten Handelsunternehmen ohne gro\u00dfes Filialnetz ist zwar immer noch sehr bedeutend, in den letzten Jahren aber auch die am st\u00e4rksten schrumpfende Vertriebsform. Dabei sind es die privat gef\u00fchrten Handelsunternehmen, die den Unterschied zwischen den St\u00e4dten ausmachen und das besondere Einkaufserlebnis bringen. Die Filialisten haben dennoch eine starke Berechtigung, da diese durch Ihre Bekanntheit und die hohen Werbeetats Anreize setzen und f\u00fcr viele Kunden auch vertrauensbildend sind. Das Abschrumpfen des nicht-filialisierten Fachhandels beweist aber, dass es den Unternehmen zunehmend schwer f\u00e4llt in punkto Bekanntheit, Einkaufspolitik, Marketing, Ladengestaltung etc. mitzuhalten. Hinzu kommt, das es in etlichen dieser Unternehmen Diskussionen \u00fcber die Nachfolge gibt, so dass wir allein dadurch jedes Jahr Klein- und Familienbetriebe verlieren.<\/p>\n<p>Hinter allem steckt aber eine Wahrheit: Der Kunde hat es im Griff. Der Gesch\u00e4ftsbesatz in den Innenst\u00e4dten wird sich entsprechend der Kundenpr\u00e4ferenzen entwickeln. Nicht zu Unrecht hei\u00dft es: \u201eSupport your lokal dealer\u201c. Allein die steigenden Anteile des Online-Handel lassen aber bef\u00fcrchten, dass die Kunden diesen ganz pers\u00f6nlichen Steuerungsmechanismus nicht wirklich nutzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview des Handels- und Dienstleistungsverband Bozen mit dem gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Vorstandsmitglied von urbanicom, Michael Reink<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1"}],"collection":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":210,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1\/revisions\/210"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}