{"id":408,"date":"2023-07-10T15:51:51","date_gmt":"2023-07-10T15:51:51","guid":{"rendered":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=408"},"modified":"2023-07-11T07:57:52","modified_gmt":"2023-07-11T07:57:52","slug":"im-einzelhandel-ist-das-online-geschaeft-die-wohl-sichtbarste-folge-der-globalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=408","title":{"rendered":"\u201eIm Einzelhandel ist das Online-Gesch\u00e4ft die wohl sichtbarste Folge der Globalisierung.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Interview mit Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V.<\/strong><br>erschienen im Verbandsmagazin \u201ebdvb aktuell\u201c des Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kaum irgendwo ist die Dominanz der Global Player so gut zu besichtigen wie in den Einkaufsstra\u00dfen unserer Innenst\u00e4dte: \u00fcberall die gleichen, gro\u00dfen Marken. Dazwischen h\u00e4ufig Leerstand, w\u00e4hrend der Online-Handel boomt. Wir wollten wissen, was die Globalisierung mit dem Einzelhandel macht \u2013 und besuchten Michael Reink, Bereichsleiter Standort- und Verkehrspolitik beim Verband des Deutschen Einzelhandels (HDE) und gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom, zum Interview.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Herr Reink, die Globalisierung hat uns Wachstums- und Wohlstandsgewinne beschert. Sie hat aber auch Schattenseiten. Wie beurteilt der HDE das Thema?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfe Entwicklungen wie die Globalisierung oder auch die Digitalisierung sind immer zweischneidig. Hier in den westlichen Staaten profitieren wir sehr stark von der Globalisierung. Und wie \u00fcberall, so gibt es auch im Handel Formate, die gut mit der Globalisierung Schritt halten k\u00f6nnen und solche, die es nicht schaffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Globale Marken scheinen die Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen zu dominieren. Macht die Globalisierung unsere Innenst\u00e4dte langweiliger?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In unseren Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen betr\u00e4gt der Filialisierungsgrad bis zu 70 Prozent. Das muss aber nicht schlecht sein. Nehmen wir das Beispiel Stralsund, weil ich dort viele Jahre als Altstadtmanager arbeiten durfte. Damals wollte H&amp;M eine Filiale in Stralsund oder in der nahegelegenen Studentenstadt Greifswald ansiedeln. Wir haben uns sehr gefreut, als die Entscheidung zu unseren Gunsten ausfiel, denn das bedeutete, dass junge Menschen aus Greifswald zu uns kommen w\u00fcrden. Der Filialisierungsgrad in Stralsund stieg zwar um ein paar Prozent und vielleicht gab es station\u00e4re lokale Einzelh\u00e4ndler, die die Ansiedlung nicht toll fanden. Aber aus Sicht der Wirtschaftsf\u00f6rderung oder des Stadtmarketings z\u00e4hlt letztlich die Frage: Was erzeugt Frequenz? Und die Antwort ist eindeutig: Frequenz und Werbedruck erzeugen die gro\u00dfen Marken, weniger der kleine Einzelhandel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fchrt das nicht auch zu wachsenden Mieten und mehr Druck auf die kleinen, regionalen Einzelh\u00e4ndler?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An vielen Standorten lassen sich Vermieter inzwischen auf umsatzbezogene Mieten ein. Der Filialist zahlt dann einen Sockelbetrag und einen umsatzabh\u00e4ngigen, flexiblen Mietanteil. Hier ist ein preistreibender Effekt eher unwahrscheinlich. Es gibt allerdings auch Top-Lagen, in denen es bislang f\u00fcr gro\u00dfe Marken eine Sache des Prestiges ist, Pr\u00e4senz zu zeigen \u2013 selbst, wenn sich die geforderte Miete dort nicht erwirtschaften l\u00e4sst. Das hat die Preise nach oben getrieben. Jedoch hat sich diese Situation durch die aktuellen Krisen ge\u00e4ndert. Zudem ist teilweise festzustellen, dass H\u00e4ndler nach einer Gesch\u00e4ftsaufgebe ihre eigenen Immobilien an einen Filialisten vermieten. Die Situation ist also nicht schwarz oder wei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es gibt St\u00e4dte, die einen attraktiven Mix hinbekommen. In denen es Filialisten ebenso gibt wie kleinteiligen Einzelhandel \u2013 nehmen wir beispielsweise Konstanz oder das von Ihnen erw\u00e4hnte Stralsund. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konstanz verf\u00fcgt ebenso wie Stralsund \u00fcber ein betr\u00e4chtliches touristisches Potenzial. Und Touristen m\u00f6chten nicht unbedingt die gleichen Dinge einkaufen, die sie zuhause genauso gut bekommen. Hier lassen sich also ganz andere, teils wesentlich hochpreisigere Produkte absetzen als in St\u00e4dten ohne Tourismus. Deshalb k\u00f6nnen hier neben den Filialisten auch Einzelh\u00e4ndler bestehen, die anderswo nicht \u00fcberleben w\u00fcrden. Umgekehrt bedeutet das aber auch: St\u00e4dte ohne Tourismus brauchen andere Konzepte, sie k\u00f6nnen sich hier <s>nichts<\/s> nur bedingt etwas abschauen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was kann denn ein Stadtmarketing ausrichten, um dem Einzelhandel in Zeiten der Globalisierung zu helfen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben eingangs schon einmal \u00fcber Frequenzen gesprochen. Genau darum geht es. Je mehr Frequenz, desto eher empfinden die Menschen einen Besuch als Bereicherung \u2013 denn wo viele Menschen sind, ist es nicht langweilig. Die Frage ist also, wie man Frequenz erzeugt. F\u00fcr ein erfolgreiches Stadtmarketing sind \u201egebundene\u201c Frequenzen extrem wichtig: Arbeitspl\u00e4tze, Beh\u00f6rden oder Bildungseinrichtungen etwa, denn sie sorgen f\u00fcr ein gewisses \u201eGrundrauschen\u201c im \u00f6ffentlichen Raum. Freie Frequenzen dagegen sind Angebote etwa des Handels oder der Gastronomie. Hier kann ein Stadtmarketing nur begrenzt eingreifen \u2013 denn ob die Qualit\u00e4t stimmt und die Menschen gern wiederkommen, haben letztlich nur der Einzelh\u00e4ndler und der Gastronom in der Hand. Wir wissen au\u00dferdem aus Umfragen, dass die Menschen sich nicht nur die M\u00f6glichkeit w\u00fcnschen, einzukaufen. Sie wollen multifunktionale Innenst\u00e4dte, in denen gearbeitet und gelebt werden kann, sie wollen Aufenthaltsqualit\u00e4t, dass etwas stattfindet und der \u00f6ffentliche Raum \u201ebespielt\u201c wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Versandhandel hat es immer schon gegeben \u2013 aber durch Global Player wie Amazon und den Online-Kanal ist der Wettbewerb extrem hart geworden. Wie gef\u00e4hrlich ist das f\u00fcr den Einzelhandel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Einzelhandel ist das Online-Gesch\u00e4ft die wohl sichtbarste Folge der Globalisierung. Es f\u00fchrt zu einer starken Konsolidierung. Dabei machen insbesondere die gro\u00dfen Online-Plattformen anscheinend irgendetwas richtig \u2013 sonst w\u00fcrde das Gesch\u00e4ftsmodell nicht funktionieren. F\u00fcr kleinere Einzelh\u00e4ndler ver\u00e4ndert sich damit vieles. Fr\u00fcher hatten wir Orte mit unterschiedlich gro\u00dfen Einzugsgebieten. Der Online-Handel hat aber kein Einzugsgebiet. Theoretisch steht jeder Anbieter mit jedem anderen Anbieter auf der Welt in Konkurrenz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aber gleichzeitig erweitert sich die Anzahl potenzieller Kunden .\u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das stimmt nur theoretisch. In der Praxis sind die Kunden schwer zu erreichen. Wenn Sie in einer Stadt Oberhemden verkaufen, haben Sie vielleicht zehn lokale Konkurrenten und k\u00f6nnen versuchen, \u00fcber Werbung ihre \u00f6rtliche Klientel anzusprechen. Wenn Sie Ihre Hemden dagegen online verkaufen wollen, m\u00fcssen Sie bei den gro\u00dfen Online-Plattformen oder Suchmaschinen auf der ersten Seite auftauchen, unter den ersten 30 Angeboten. Und wie Sie, so wollen das auch Tausende andere Anbieter. Au\u00dferdem gilt: Kunden, die online kaufen, suchen nicht nach regionalen Anbietern, sondern etwa nach Jeans einer speziellen Marke in einer speziellen Gr\u00f6\u00dfe. Wenn man dann noch bedenkt, dass die Margen im Online-Handel geringer sind als im station\u00e4ren Handel oder dass es f\u00fcr kleine Gesch\u00e4fte einen erheblichen Aufwand darstellt, neben dem Ladenlokal ein flankierendes Online-Angebot zu betreiben, wundert es nicht, dass es zu einer Konsolidierung kommt. Dabei ist es wichtig zu betonen: Der Kunde bestimmt durch seine Kaufentscheidung die Richtung, in die sich der Handel bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ist es eine Option, sich auf das station\u00e4re Gesch\u00e4ft zu konzentrieren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn 50 Prozent des Umsatzes beispielsweise im Modesegment heute online gemacht werden, muss das Auswirkungen auf die Fl\u00e4che haben. Wir stellen fest, dass manche Filialisten Fl\u00e4chen reduzieren, um die Fl\u00e4chenproduktivit\u00e4t hochzuhalten. Aber die Crux ist: Wenn Kunden in die Filiale kommen, dann m\u00f6chten sie dort auch m\u00f6glichst viel des Angebots vorfinden. Fr\u00fcher hat man akzeptiert, dass ein Produkt gerade nicht in der Filiale vorr\u00e4tig war. Heute will man es zumindest vorab online \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen oder im Anschluss an den Filialbesuch nach Hause geliefert bekommen. Damit will ich sagen: Ohne Multi-Channel-Angebot kommt heute kaum jemand aus.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Corona-Krise waren Lieferketten ein gro\u00dfes Thema \u2013 meist diskutiert aus der medizinischen oder industriellen Perspektive. Wie ist es um die Lieferketten im Einzelhandel bestellt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dften Probleme entstanden aufgrund der Null-Covid-Politik von China, weil jeder Container, der in China nicht auf die Reise ging, in Rotterdam fehlte. Es bestand also auch ein erheblicher Containermangel. Aktuell funktionieren die Lieferketten gl\u00fccklicherweise wieder weitgehend reibungslos. Grunds\u00e4tzlich sehen wir aber den Trend, dass Unternehmen ihre Lieferketten resilienter machen wollen. Dazu holen sie Teile der Produktion wieder nach Europa oder Deutschland zur\u00fcck. In der Textilbranche etwa wird diese Entwicklung von der Aussicht beg\u00fcnstigt, dass ein Gro\u00dfteil der Fertigung zuk\u00fcnftig automatisiert werden k\u00f6nnte. Andere Unternehmen wiederum erh\u00f6hen ihre Krisenresistenz, indem sie die Lagerkapazit\u00e4ten aufstocken. Bei alldem darf man aber nicht vergessen: Durch R\u00fcckverlegung von Produktion nach Europa werden Menschen in anderen Erdteilen ihr Einkommen verlieren. Dann freuen wir uns \u00fcber k\u00fcrzere Transportwege, einen besseren CO2-Fu\u00dfabdruck und heimische Produktion \u2013 sorgen aber anderswo m\u00f6glicherweise f\u00fcr soziale Verwerfungen. Das ist das Problem der Globalisierung wie auch der Deglobalisierung: Alles hat Konsequenzen, m\u00f6glicherweise am anderen Ende der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interview wurde gef\u00fchrt Verbandsmagazin \u201ebdvb aktuell\u201c&nbsp; des Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte welches am 3. Juli 2023 ver\u00f6ffentlicht wurde..<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u00dcber den Interviewpartner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Michael Reink ist seit 2011 Bereichsleiter f\u00fcr Standort- und Verkehrspolitik des Handelsverbands Deutschland (HDE). Der 55-J\u00e4hrige studierte Diplom-Geograph an der Westf\u00e4lischen Wilhelms-Universit\u00e4t in M\u00fcnster und wirkte von 1997 bis 2007 als gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied des Altstadtmanagement Stralsund e.V. und anschlie\u00dfend als Prokurist und Ressortleiter Stadtmarketing der Wolfsburg Marketing GmbH. Seit 2002 ist er Pr\u00e4sident des City-Management-Verband Ost e.V., seit 2009 gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied im Urbanicom e.V. und seit 2015 Pr\u00e4sidiumsmitglied des Wissensnetzwerk Stadt und Handel e.V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V.erschienen im Verbandsmagazin \u201ebdvb aktuell\u201c des Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte Kaum irgendwo ist die Dominanz der Global Player so gut zu besichtigen wie in den Einkaufsstra\u00dfen unserer Innenst\u00e4dte: \u00fcberall die gleichen, gro\u00dfen &hellip; <a href=\"https:\/\/urbanicom.de\/?p=408\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-408","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/408"}],"collection":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=408"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/408\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":410,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/408\/revisions\/410"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/urbanicom.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}