{"id":482,"date":"2024-07-03T14:51:21","date_gmt":"2024-07-03T14:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=482"},"modified":"2024-12-09T16:06:52","modified_gmt":"2024-12-09T16:06:52","slug":"das-narrativ-der-monofunktionalen-innenstadt-entspricht-nicht-der-realitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=482","title":{"rendered":"Das Narrativ der monofunktionalen Innenstadt entspricht nicht der Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Kommentar von Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Wir h\u00f6ren seit einiger Zeit immer wieder folgendes Narrativ: <em>&#8222;Monokulturen sind anf\u00e4llig f\u00fcr Krisen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Fichten im Harz, sondern auch f\u00fcr den Immobilienmarkt und die Innenstadtentwicklung&#8220;<\/em>, sagte Frau BMin Geywitz.<em> \u201eDie Innenst\u00e4dte vielerorts befinden sich in der Krise. Oft sind sie fast ausschlie\u00dflich auf den Einzelhandel ausgerichtet, unterscheiden sich durch die Gesch\u00e4fte aber kaum.\u201c<\/em> Auch das BBSR gibt das Narrativ weiter, <a href=\"https:\/\/www.daserste.de\/information\/politik-weltgeschehen\/morgenmagazin\/berichte-und-interviews\/Innenstaedte-attraktiver-machen-100.html\">wie hier zu sehen ist.<\/a> Diese Aussage ist so falsch wie sie gef\u00e4hrlich ist, da die Politik daraus die falschen Schl\u00fcsse ableitet.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Innenst\u00e4dte waren immer multifunktional. In jeder Innenstadt gibt es Bereiche in denen vorzugsweise gewohnt wird, wo sich vorzugsweise die Kultur angesiedelt hat, wo vorzugsweise die Gastronomie ihren Schwerpunkt hat und wo sich vorzugsweise der Einzelhandel konzentriert.<\/li>\n\n\n\n<li>Aber nur der Einzelhandel vermag es \u00fcber seine \u201eh\u00f6chsten\u201c Ausstrahlungseffekte und seine Anziehungskraft (Einzugsgebiete) daf\u00fcr zu sorgen, dass die Bereiche, in denen sich der Handel vorzugsweise angesiedelt hat (Fu\u00dfg\u00e4ngerzone\/ zentraler Versorgungsbereich) im \u00fcblichen Sprachgebrauch als Synonym der ganzen Innenstadt genutzt zu werden: \u201eWir gehen in die Stadt\u201c. Hier wird die Stadt mit der Innenstadt gleichgesetzt und die Innenstadt mit der Fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Das unterstreicht die Bedeutung des Handels f\u00fcr die Innenstadt- und Stadtentwicklung. Dadurch werden die Innenst\u00e4dte aber nicht monofunktional. Der Sprachgebrauch ersetzt hier offensichtlich auch f\u00fcr die Experten*innen und Minister*innen das Faktische.<\/li>\n\n\n\n<li>Nun soll der \u00a7 7 BauNVO inklusive der TA-L\u00e4rm novelliert werden, um die Innenstadt multifunktionaler werden zu lassen. Das ist interessant, da die gew\u00fcnschte Zukunft der ohnehin bestehenden Realit\u00e4t entspricht. Offensichtlich schauen nun aber viele Beteiligte nicht mehr richtig hin und denken, den \u201eSchl\u00fcssel\u201c zur Innenstadtbelebung gefunden zu haben: Das Wohnen.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Der Handel l\u00e4uft dabei Gefahr, als S\u00fcndenbock vernachl\u00e4ssigter Stadtplanung herzuhalten. Stadtplaner\/ Kommunalpolitiker haben sich zu lange darauf verlassen, dass der Einzelhandel mit seinen interessanten Produkten die Menschen in die Innenst\u00e4dte lockt. Diese (nahezu) Alleinstellung des station\u00e4ren Handels ist durch den Online-Handel aufgel\u00f6st worden. Die Reaktion der Kommunen auf diesen \u201eGamechanger\u201c: Wenig. Viele haben diese Ver\u00e4nderungen im Einzelhandel zu sp\u00e4t wahrgenommen. Handelsplanung war selten \u201ePlanung\u201c, sondern \u201eKanalisation des Drucks\u201c oder Verhinderung. Die Kommunen hatten lediglich realisiert, dass der Druck auf die Handelsfl\u00e4chen nachgelassen hat und die Leerstandsquoten stiegen. Eine ersthafte Auseinandersetzung mit der \u201eHandelsplanung\u201c hat selten stattgefunden und bewusste Ansiedlungspolitik gab und gibt es bei der Wirtschaftsf\u00f6rderung f\u00fcr andere Wirtschaftssparten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wird aber ausgerechnet der Handel, mit dem man sich eh nur stiefm\u00fctterlich besch\u00e4ftigt hat, zum Problem der Innenstadtentwicklung. \u201eWir haben zu viele Handelsfl\u00e4chen ausgewiesen\u201c \u2026 \u201eDer Handel dominiert unsere Innenst\u00e4dte, die wieder multifunktionaler werden m\u00fcssen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Meines Erachtens m\u00fcssen wir anfangen, die ganze Geschichte zu erz\u00e4hlen. Der Handel ist garantiert nicht der Ausl\u00f6ser verfehlter Innenstadtplanung. Das einige Kommunalpolitiker und Ministerien nun ausgerechnet die h\u00f6chste zentrale Funktion &#8211; den \u201eEinzelhandel\u201c &#8211; bewusst aus den Innenst\u00e4dten \u201eherauszudenken\u201c, widerspricht allem, was die Fachleute einmal gelernt haben: Wenn die Innenst\u00e4dte die \u201eKonzentration hochrangig Zentraler Funktionen\u201c sind, dann ist es infam zu glauben, dass die Innenst\u00e4dte ausgerecht durch eine Funktion ohne zentrale Funktion belebt werden k\u00f6nnen \u2013 das Wohnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das BBSR hat dazu j\u00fcngst eine Studie ver\u00f6ffentlicht, die sich u.a. mit der Nutzungsmischung der Innenst\u00e4dte besch\u00e4ftigt hat:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie untersuchten Innenst\u00e4dte zeichnen sich durch einen vielf\u00e4ltigen Nutzungsmix aus. Gemessen an der Anzahl der Betriebe entfallen von den in den Erdgeschossen erhobenen Nutzungen in 2023 rund 34 % auf den Einzelhandel, danach folgen verschiedene Dienstleistungen (25 %) und die Gastronomie (14 %). Insbesondere in kleineren St\u00e4dten und in Randbereichen der zentralen Versorgungsbereiche spielt auch das Wohnen eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Bezogen auf die Innenst\u00e4dte aller Fallstudien betr\u00e4gt der Anteil des Wohnens an der Anzahl aller Nutzungen in den Erdgeschossen immerhin 12 %. Alle anderen Nutzungen (z. B. Bildung, Kultur oder das Handwerk) spielen eine sehr untergeordnete Rolle. Der relative Anteil der Zwischennutzungen ist kaum relevant.\u201c<\/em> <a href=\"https:\/\/www.bbsr.bund.de\/BBSR\/DE\/veroeffentlichungen\/bbsr-online\/2024\/bbsr-online-07-2024.html\">https:\/\/www.bbsr.bund.de\/BBSR\/DE\/veroeffentlichungen\/bbsr-online\/2024\/bbsr-online-07-2024.html<\/a> Die 12% Wohnnutzung beziehen sich dabei \u00fcbrigens nur auf die Erdgeschossnutzungen. Es ist davon auszugehen, dass das Verh\u00e4ltnis der Obergeschossnutzungen noch st\u00e4rker zugunsten der Wohnnutzung ausfallen d\u00fcrfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ergo: Wir sollten das Narrativ der monofunktionalen Innenstadt sofort aufgeben, da es nicht der Realit\u00e4t entspricht, eine falsche Analysebasis darstellt und uns folglich zu den falschen L\u00f6sungen f\u00fchrt: \u201eWohnen als Rettungsanker der Innenstadtentwicklung\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar von Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V. 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