{"id":534,"date":"2025-01-04T11:26:03","date_gmt":"2025-01-04T11:26:03","guid":{"rendered":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=534"},"modified":"2026-01-05T10:28:59","modified_gmt":"2026-01-05T10:28:59","slug":"die-heilungsfunktionen-der-innerstaedtischen-nutzungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/urbanicom.de\/?p=534","title":{"rendered":"Die Heilungsfunktionen der innerst\u00e4dtischen Nutzungen"},"content":{"rendered":"\n<p>Kommentar von Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Innenst\u00e4dte sind auf dem Weg der Besserung, wobei noch nicht entschieden ist, ob einige Krankheitssymptome chronisch sein werden. F\u00fcr den station\u00e4ren Handel sind in unterschiedlichen Branchen wieder vermehr Fl\u00e4chennachfragen festzustellen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Oft werden sogar gro\u00dfe Fl\u00e4chen ab 1.000 Quadratmeter gesucht, so dass von einer sp\u00fcrbaren Sogwirkung dieser Gesch\u00e4fte ausgegangen werden darf. Dabei gestaltet sich die Suche nach diesen Fl\u00e4chen oft nicht einfach, was mit der reinen Verf\u00fcgbarkeit oder auch den Mietvorstellungen zu tun hat. Bei einer deutlichen Umsatzverschiebung in den Onlinehandel \u2013 z.B. bei der innerst\u00e4dtischen Leitbranche Textilien (Onlineanteil: 41,8%; 2023) \u2013 und notwendiger stabiler Fl\u00e4chenproduktivit\u00e4t, sind die Mieten einer wenigen frei verhandelbaren Fixkosten. Auch wenn die Erkenntnis sich mit einiger Tr\u00e4gheit z.B. durch erst allm\u00e4hlig auslaufende (alte) Mietvertr\u00e4ge durchsetzt. Aber: Die Jahre hoher Mietabschl\u00fcsse sind vorbei. Dies bezieht sich nicht nur auf den Handel, sondern ist allgemeing\u00fcltig, da der Handel dennoch der Mieter mit dem die h\u00f6chsten Mietabschl\u00fcsse bleibt \u2013 nur auf einem anderen Niveau.<\/p>\n\n\n\n<p>In der unmittelbaren Post-Corona-Phase las man des \u00d6fteren von monofunktionalen Innenst\u00e4dten und der angebrochenen Zeit neuer Multifunktionalit\u00e4t. Klingt vordergr\u00fcndig sehr gut, denn: Mehr Funktionen = mehr Anziehungspunkte = mehr Nutzungskopplung = gleich h\u00f6here Frequenzen = mehr Lebendigkeit\/Urbanit\u00e4t. Mittlerweile haben Studien nachgewiesen, dass es die monofunktionale Innenstadt im Grunde nicht gibt (\u201eAuswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den Einzelhandel in St\u00e4dten und Zentren\u201c; BBSR 2024). Stattdessen sind Innenst\u00e4dte zoniert, in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, Verdichtungen der Gastronomie, Kulturareale und Bereiche in denen \u00fcberwiegend auch in den Erdgeschossen gewohnt wird. Daher gilt es genau zu schauen, wie ein vertr\u00e4gliches Nebeneinander dieser Nutzungen zu organisieren ist. Die vorl\u00e4ufig gestoppte gro\u00dfe St\u00e4dtebaunovelle (Kabinettsentwurf) hatte hier einige Ans\u00e4tze, um auch unvertr\u00e4gliche Nutzungen in den Innenst\u00e4dten nebeneinander zuzulassen (z.B. Wohnen und Gewerbe). Zur in Verbindung damit beabsichtigten \u00c4nderung der TA-L\u00e4rm wurde nur ein Referentenentwurf erarbeitet, der die Empfehlungen der Bauministerkonferenz missachtete. (Gerichtliche) Auseinandersetzungen w\u00e4ren wohl unvermeidbar gewesen, was zu einer sukzessiven Verdr\u00e4ngung des innerst\u00e4dtischen Gewerbes h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher sollte die Multifunktionalit\u00e4t der Innenst\u00e4dte mit Bedacht betrachtet werden, um den Charakter der Innenst\u00e4dte als Orte der Konzentration hochrangiger zentraler Funktionen nicht zu gef\u00e4hrden. Hierbei ist beachtlich, dass das System der zentralen Orte auch auf dem Gedanken fu\u00dft und somit die Verkehrsinfrastruktur in den Einzugsbereichen ebenfalls darauf ausgerichtet ist. Welchen Stellenwert haben also die unterschiedlichen Funktionen als \u201ehochrangig zentrale Funktion\u201c, bzw. welche Heilungsfunktion wohnt diesen jeweils inne? Um dies nachvollziehen zu k\u00f6nnen, muss gekl\u00e4rt werden:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>wie oft eine Funktion in der Innenstadt nachgefragt wird (<strong>Bedarfsstufen<\/strong> t\u00e4glich, periodisch, aperiodisch)<\/li>\n\n\n\n<li>wie gro\u00df der Raum ist, aus dem die Menschen in die Innenstadt kommen\/ wie gro\u00df die Anzahl der potenziellen Innenstadtbesucher ist (<strong>Einzugsbereiche<\/strong>)<\/li>\n\n\n\n<li>ob die Bereitstellung einer Funktion Geld kostet oder die Funktion Ertr\u00e4ge (Steuern) erbringt (<strong>Wertsch\u00f6pfung<\/strong>)<\/li>\n\n\n\n<li>ob die Funktion das gew\u00fcnschte Bild bzw. die Attraktivit\u00e4t einer Innenstadt positiv zu verst\u00e4rken vermag (<strong>Imagebildung<\/strong>)<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p>Exemplarisch werden im Folgenden die Funktionen Kultur und Wohnen betrachtet, da diese medial besonders hervorgehoben wurden:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Kultur<\/strong>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Bedarfsstufen<\/strong>: Kulturelle Einrichtungen haben, je nach Auspr\u00e4gung, unterschiedliche Bedarfsstufen. Die Hochkultur in Form von Theatern oder Opern sollte man \u00fcblicherweise im Bereich der aperiodischen Nachfrage einstufen. Hier kommt es demnach im kompletten Jahresverlauf nur zu wenigen Innenstadtbesuchen. Beim Kino sieht es anders aus, da man von einem periodischen Bedarf ausgehen sollte. Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass man nicht dauerhaft im kompletten Jahresverlauf mit deutlichen erh\u00f6hten Frequenzen durch kulturelle Einrichtungen rechnen kann, da diese Effekte sich voraussichtlich nicht einstellen werden.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Einzugsbereiche<\/strong>: Differieren ebenfalls nach der Art des kulturellen Angebotes. Generell kann aber davon ausgegangen werden, dass die Einzugsbereiche der kulturellen Einrichtungen grunds\u00e4tzlich einen weiten Einzugsbereich bedienen, so das potenziell viele Menschen angesprochen werden k\u00f6nnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wertsch\u00f6pfung<\/strong>: Kultur ist f\u00fcr die meisten Kommunen eine subventionierte (innerst\u00e4dtische) Funktion. Als freiwillige Leistung, steht das kulturelle Angebot der Innenstadt regelm\u00e4\u00dfig auf dem Pr\u00fcfstand in den j\u00e4hrlichen Haushaltsberatungen der Kommunen. Kommunen im sogenannten Nothaushalt, m\u00fcssen oft unfreiwillig Entscheidungen treffen, die das kulturelle Angebot einer Innenstadt ausd\u00fcnnen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Imagebildung<\/strong>: Kulturelle Angebote sind geeignet das Bild und die Attraktivit\u00e4t einer Innenstadt zu verbessern. Es gilt zwar das subjektive Motto \u201eKunst ist was gef\u00e4llt\u201c, dennoch werden kulturelle Angebote grunds\u00e4tzlich als f\u00f6rderlich f\u00fcr die Innenstadtentwicklung eingesch\u00e4tzt<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass die Kultur zur positiven Imagebildung beitragen und potenziell viele Menschen in einem gro\u00dfen Einzugsbereich ansprechen kann. Problematisch in Hinblick auf die Heilungsfunktion f\u00fcr die Innenstadt ist jedoch, dass etliche kulturellen Angebote nur aperiodisch abgefragt werden und die Kultur tendenziell eher Geld kostet, als dass damit Einnahmen f\u00fcr den kommunalen Haushalt generiert werden k\u00f6nnen. Letztes bedingt, dass f\u00fcr viele Kommunen eine Heilungsfunktion durch die Kultur keine Option sein kann. Eine dauerhafte Belebung der Innenstadt im Jahresverlauf durch kulturelle Einrichtungen, ist durch die Bedarfsstufe (aperiodisch) tendenziell nicht zu erwarten.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Wohnen<\/strong>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Bedarfsstufen:<\/strong> Das Wohnen findet t\u00e4glich statt. Somit werden tagt\u00e4glich Frequenzen durch das Wohnen erzeugt<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Einzugsgebiete:<\/strong> Das Wohnen hat kein nennenswertes Einzugsgebiet. Solange nicht tagt\u00e4glich viele Menschen die Innenstadtbewohner besuchen, stellen sich in Bezug auf das Einzugsgebiet keine Vorteile f\u00fcr die Innenstadtentwicklung ein. Das Wohnen ist daher eine egoistische Funktion.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Wertsch\u00f6pfung:<\/strong> Durch das Wohnen den in den Innenst\u00e4dten wird Geld in der Immobilienbranche verdient. Das Wohnen ist daher geeignet, zur Werterhaltung der Innenstadt beizutragen.<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Imagebildung:<\/strong> Das Wohnen kann sich sehr positiv auf die Imagebildung auswirken. Das ist zwar auch abh\u00e4ngig von der Klientel, die in der jeweiligen Innenstadt wohnt. Grunds\u00e4tzlich ist es jedoch von Vorteil, wenn auch die oberen Geschosse der Geb\u00e4ude beleuchtet sind und die Innenstadtbewohner auch zur Belebung der Innenstadt beitragen.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Zusammenfassend muss festgestellt werden, dass Innenstadtbewohner zur Lebendigkeit einer Innenstadt beitragen und durch die Mietzahlungen auch den Werterhalt der Immobilien unterst\u00fctzen. Dennoch d\u00fcrfen die Heilungswirkungen nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden, da durch das Wohnen keine Einzugsbereiche au\u00dferhalb der Innenstadt bedient werden. Die Frequenzsteigerungen beziehen sich daher nur auf die Bewohnen an sich. In Relation zur Sogwirkung anderer innerst\u00e4dtischen Funktionen (je nach Stadtgr\u00f6\u00dfe mehrere Zehntausend Besucher t\u00e4glich), ist diese Belebung daher eher zu vernachl\u00e4ssigen. Auch die positiven Effekte z.B. auf den Einzelhandel sind \u2013 bis auf die Angebote in der \u201eNahversorgung (Einzugsbereiche von 800 bis 1.000m fu\u00dfl\u00e4ufige Erreichbarkeit) \u2013 tendenziell schwach. Handelsunternehmen mit Produkten im periodischen und aperiodischen Bedarf sind auf gro\u00dfe Einzugsbereiche mit tausenden Einwohnern angewiesen, so dass Innenstadtbewohner als Umsatzquelle zu vernachl\u00e4ssigen sind.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Das macht den Gedanken an multifunktionale Innenst\u00e4dte nicht unattraktiver, da sich Kopplungseffekte nur einstellen k\u00f6nnen, wenn die Nutzungen in r\u00e4umlicher N\u00e4he sind. Auch wenn urbanicom als \u201eDeutscher Verein f\u00fcr Stadt und Handel\u201c immer einen starken Fokus auf die Handelsentwicklung legt, muss rein objektiv herausgestellt werden, dass es zwei Trumpfkarten im Innenstadtquartett gibt: Einzelhandel und Gastronomie. Dies sind die Nutzungen, die teilweise t\u00e4gliche Sogwirkung entfalten (Bedarfsstufen), Menschen aus einem weiten Umland anziehen (Einzugsbereiche), dabei Gewerbesteuereinnahmen f\u00fcr die Kommunen generieren (Wertsch\u00f6pfung) und bei einem qualit\u00e4tvolle Angebot das Image der jeweiligen Innenstadt steigern. Keine andere Innenstadtfunktion vermag diese Kombination positiver Faktoren auszul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist die (kommunale) Politik gut beraten, auch weiterhin die positiven Effekte des Handels und der Gastronomie in den Fokus der Innenstadtentwicklung zu nehmen. Bei den Innenst\u00e4dten, f\u00fcr die eine andere K\u00f6rnung der Funktionen beabsichtigt wird\/ beabsichtigt werden muss (bereits massive Funktionsschw\u00e4chen vorhanden), wird sich auf Dauer ein anderer Charakter dieser Innenst\u00e4dten einstellen. Ob diese Innenst\u00e4dte noch als Identifikationsorte mit hoher Anziehungskraft fungieren k\u00f6nnen, werden diese Realexperimente zeigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommentar von Michael Reink, gesch\u00e4ftsf\u00fchrendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V. Die Innenst\u00e4dte sind auf dem Weg der Besserung, wobei noch nicht entschieden ist, ob einige Krankheitssymptome chronisch sein werden. 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