
Artikel von Michael Reink, geschäftsführendes Vorstandsmitglied urbanicom e.V.und Bereichsleiter für Standort- und Verkehrspolitik beim Handelsverband Deutschland, erschienen in G+L Magazin für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Ausgabe 04/2026
Ohne Handel keine lebendige Innenstadt – dieser Satz klingt zunächst wie eine Binsenweisheit. Doch wer die wissenschaftlichen Analysen aufmerksam liest, erkennt schnell: Es geht um weit mehr als um volle Einkaufstüten. Der Handel ist Frequenzbringer, Identitätsstifter und oft auch letzter Anker im urbanen Gefüge. Gleichzeitig gilt aber ebenso: Ohne eine lebendige, vielfältige und gut erreichbare Innenstadt kann auch der Handel auf Dauer nicht bestehen. Beide Seiten sind untrennbar miteinander verbunden – wirtschaftlich, sozial und emotional.
Der Handel ist das Rückgrat der Innenstadt. Geschäfte erzeugen Anlässe, in die City zu kommen. Sie schaffen Arbeitsplätze, sichern Gewerbesteuereinnahmen und sorgen für Belebung der Erdgeschosszonen. Wo Schaufenster leuchten, fühlen sich Menschen sicherer; wo Kunden unterwegs sind, profitieren Gastronomie, Kultur und Dienstleister. Der stationäre Einzelhandel ist damit weit mehr als Verkaufsfläche – er ist Taktgeber urbanen Lebens. Fällt er weg, entstehen Leerstände, die wie offene Wunden wirken. Sie senden das fatale Signal: Hier geht es bergab.
Zugleich muss man vor einer verkürzten Sichtweise, die allein auf den Handel als Heilsbringer setzt, warnen. Denn Konsum ist heute nicht mehr der alleinige Magnet. Onlinehandel, veränderte Lebensstile und neue Arbeitsmodelle haben die Funktion der Innenstädte grundlegend verändert. Wer die City weiterhin nur als Einkaufsort begreift, wird scheitern. Menschen suchen heute Erlebnis, Begegnung und Aufenthaltsqualität. Sie wollen sich gern dort aufhalten – auch ohne konkrete Kaufabsicht. Genau hier schließt sich der Kreis: Ohne lebendige Innenstadt kein Handel.
Lebendigkeit entsteht durch Nutzungsmischung. Wohnen, Arbeiten, Bildung, Kultur, Freizeit und Handel müssen zusammenspielen. Wenn Innenstädte wieder stärker bewohnt werden, entsteht Grundfrequenz – auch außerhalb klassischer Ladenöffnungszeiten. Wenn öffentliche Räume attraktiv gestaltet sind, mit Grün, Sitzgelegenheiten und Veranstaltungen, verweilen Menschen länger. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Spontankäufen und stärkt die Umsätze. Der Handel profitiert also direkt von Investitionen in Stadtqualität.
Wir müssen daher zu einem neuen Rollenverständnis aller Akteure kommen. Kommunen dürfen die Innenstadtentwicklung nicht dem Markt allein überlassen. Sie müssen aktiv steuern, Flächen strategisch entwickeln und Rahmenbedingungen schaffen, die Vielfalt ermöglichen. Eigentümer wiederum sind gefordert, flexibel auf neue Nutzungsanforderungen zu reagieren. Und der Handel selbst muss sich weiterentwickeln: mit Service, Beratung, Events und digitalen Angeboten, die Online- und Offlinewelt verbinden. Die Zukunft liegt nicht im Gegeneinander, sondern im intelligenten Zusammenspiel.
Entscheidend ist zudem die Erreichbarkeit. Eine Innenstadt, die schwer zugänglich ist, verliert an Attraktivität. Gleichzeitig verlangen Klimaschutz und Lebensqualität nach neuen Mobilitätskonzepten. Auch hier braucht es Ausgewogenheit statt Ideologie. Wer Frequenz sichern will, muss unterschiedliche Verkehrsträger mitdenken und pragmatische Lösungen finden. Am Ende steht eine klare Erkenntnis: Handel und Innenstadt befinden sich in einer symbiotischen Beziehung. Der Handel bringt Menschen in die Stadt – aber nur eine attraktive, sichere und vielfältige Stadt hält sie dort und lässt Umsätze entstehen. Wer eines von beiden vernachlässigt, gefährdet das gesamte System. Die Diskussion darf daher nicht lauten „Brauchen wir noch Handel in der Innenstadt?“, sondern vielmehr: „Wie gestalten wir Innenstädte so, dass Handel, Leben und Begegnung wieder selbstverständlich zusammenfinden?“ Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über wirtschaftlichen Erfolg, sondern über die Zukunft unserer urbanen Zentren als Orte gesellschaftlicher Teilhabe.
Der Text ist erstmalig erschienen in G+L Magazin für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung, Ausgabe 04/2026